Platzhirsch und Sonntagsjäger – Eine Rezension zu Otto Grasheys „Praktisches Handbuch für Jäger“

Für einige der über 10 000 Thüringer Jäger stehen noch bis Monatsende „Hubertusmessen“ in den Kalendern. Der Arnstädter Verlag Kirchschlager begleitet die Hauptjagdzeit mit der Neuauflage eines historischen Handbuches

Noch bis Ende des Monats November verzeichnet der Kalender des Landesjagdverbandes Thüringen in hiesigen Kirchen stattfindende „Hubertusmessen“. Dazu eingeladen sind wie immer alle Freunde des Weidwerkes, der Natur und des Hörnerklangs. Man trifft sich, um jenen Mann zu huldigen, der zunächst als Pfalzgraf am Hof Theoderichs III. in Paris, später in Metz am Hofe Pippins des Mittleren wirkte, nach dem Tod seiner Frau als Einsiedler in den Wäldern der Ardennen lebte und dort apostolisch tätig war: Hubertus, der 705 zum Bischof wurde. Eine mittelalterliche Legende erzählt, dass er auf der Jagd von einem prächtigen Hirsch mit einem Kruzifix zwischen dem Geweih bekehrt wurde und so zum Schutzpatron der Jagd, der Natur und Umwelt erklärt wurde. Dem später heiliggesprochenen Hubertus widmen auch die zirka 10 500 Jagdfrauen und –männer in Thüringen regelmäßig eine „Hubertusjagd“ und eine „Hubertusmesse“.

Eine Umfrage unter Anwärtern unserer Tage auf den auch „Grünes Abitur“ genannten Jagdschein ließ deutlich werden, wie hierzulande der Jäger der Zukunft aussieht: Er ist im Durchschnitt 35 Jahre, kommt aus der Mitte der Gesellschaft und – man staune – die Zahl der Weidfrauen unter ihnen steigt stetig an. Die Hauptjagdzeit, so Verbandsgeschäftsführer Frank Herrmann gegenüber unserer Zeitung, erstreckt sich in Thüringen jährlich vom 1. Mai bis 15. Januar.

Wie sich das Jagdwesen entwickelt hat und welche Konstanten bis heute gelten, das lässt sich gut ablesen und anschauen in einem jetzt auf den Markt gekommenen wunderbaren, mit Blick auf die 800 Seiten Umfang geradezu monumentalen Werk zum Thema, dem „Praktischen Handbuch für Jäger“. Verfasst hat es der passionierte Jäger und Maler Otto Grashey (1833-1912). Auch zahlreiche der etwa 200, teils farbigen Jagdszenen und Tierbilder dieses Buches stammen von ihm. Das vormalige Standardwerk für Jäger wieder ausgegraben und heutigen Interessenten mit einem aktuellen fachlichen Begleittext des Forsthistorikers Michael Kolbe zugänglich gemacht zu haben, ist das Verdienst des Verlages Kirchschlager Arnstadt. Als Hardcover im moosgrünen Schuber vorgelegt (Preis 78,00 Euro), erweist es sich per se als ästhetischer Genuss. Hier kommt auch der Freund kultivierter, leicht verständlicher alter Sprache auf seine Kosten. Natürlich werden sich vor allem Jäger dieses Werk anschaffen. Aber auch wem die Jagd bisher ein Buch mit sieben Siegeln ist, das er jedoch für sich öffnen können möchte, dem darf dieses Buch als guter Fang empfohlen werden. Dass man bei der Lektüre überdies „Aha-Effekte“ erzielen kann, man wie nebenher aufgeklärt wird über die Herkunft von in unserem Alltag geläufigen Worten, liegt wohl in der sprichwörtlichen Natur der Sache. „Sonntagsschütze“ oder „Platzhirsch“ sind nur zwei der vielen Beispiele. Wenn Nachwort-Autor Kolbe in der Gegenwart einen möglichen Werteverfall der Jagd aufscheinen sieht, so kann dieses Buch einen Beitrag leisten, um die auch in dieser Zeitung immer wieder angesprochenen Probleme des Verhältnisses Jagd – Natur – Umwelt besser zu verstehen. Eine Rezension von Heinz Stade, Thüringer Allgemeine